Die ganze Geschichte

“Produzent für audiovisuelle Medien mit besonderer Expertise im Tourismusbereich” – das ist keineswegs das Berufsziel von Jens Würfel, als der geborene 68er sich nach der Schule für eine Karriere bei Film und Fernsehen entscheidet. Denn eigentlich will er ans Theater – ganz am Anfang jedenfalls.

Justus, Peter und Bob sind schuld!

Im Alter von 13 Jahren bringt der “3 ???”-Junkie sehr professionell, aber völlig illegal seine Jugendhelden auf die Theaterbühne seines heimischen Gymnasiums – er schreibt und inszeniert selbst. Schon mit 16 veröffentlicht er zusammen mit seinem Schulfreund und Co-Autoren Sören Pahl zwei besonders erfolgreiche Produktionen beim Deutschen Theaterverlag Weinheim. Auch heute noch – nach über 25 Jahren – gehören beide Werke zum Standardrepertoire auf den Spielplänen deutschsprachiger Schul- und Jugendtheaterbühnen.
Aber Film reizt ihn mehr als Theater – denn da entscheidet der Regisseur, wie die Szene läuft … und nicht etwa die Tagesform der Schauspieler.

Sie wollen Unterhaltung machen? Wir machen hier aber Kunst!

Die Filmhochschule will ihn aber nicht – zu kommerziell, heisst es. Die Uni Erlangen ist da weniger wählerisch. Dort studiert Würfel den zielgerichteten Einsatz film- und fernsehdramaturgischer Techniken, Wirkungs- und Wahrnehmungspsychologie beim Publikum und Gestaltung und Produktion elektronischer Medien. Er arbeitet schon längst als Regisseur, Autor und Cutter für verschiedene Produktionsfirmen, als er 1994 sein Studium als Magister Artium abschließt.
Und er wohnt eineinhalb Jahre lang in der Videothek seines Vaters – also nicht etwa darüber oder daneben, nein: mittendrin! Klar, dass das nicht ohne Folgen bleibt.

Ewige Ebbe im Sparschwein

Nach einem Praktikum bei der Bavaria Film überlegt Würfel, nach Amerika weiter zu ziehen, um doch noch die Filmschulbank zu drücken; er erhält sogar ein Teilstipendium an der Tribeca Film Academy in New York. Dennoch reicht das Geld vorn und hinten nicht, also vertagt er sein Treffen mit Robert DeNiro und arbeitet stattdessen als Regisseur am Theater, als Komponist und Produzent einer Popband, versagt zwischendurch jämmerlich als A & R – Manager für einen namhaften Musikverlag und realisiert immer wieder Videoprojekte als Cutter, Autor und Regisseur.
Und er macht sich fit im Umgang mit Visual Effects, was ihm einen schicksalhaften Tagesjob bei der Produktionsfirma Team TV in Hannover einbringt.

Der Schnittraum – unendliche Weiten

Team TV produziert in den 90ern vornehmlich Filme für Marken wie TUI, iberotel, Neckermann und Club Aldiana – und soll nun für ein Jahr das Reisemagazin des Senders ntv realisieren. Da Würfel Videoschnitt und Textredaktion gleichermaßen beherrscht, wird er als Producer engagiert und verbringt fortan zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche mit dem Recherchieren, Schneiden und Texten von Filmen über die schönsten Orte der Welt – Orte, an denen er selbst aber nie gewesen ist.

Melaminmangel macht aggressiv

Nach einem Jahr pigmentlosem Schattendasein im dunklen Schnittraum ist er ein wandelndes Tourismuslexikon. Er wagt den Aufstand und verlangt, ab sofort voll produzieren zu dürfen. Prompt erhält er den Auftrag, für die TUI einen Imagefilm herzustellen. Er schafft sich ein komplettes nonlineares Produktionsstudio an und gründet im Sommer 1998 seine eigene Produktionsfirma EYEDENTITY – Audiovisuelle Konzepte in Braunschweig. Weitere Aufträge folgen schnell.

Ein ganzes Jahrzehnt lang “Schöne Ferien”

Weil es Jahr um Jahr mehr für die TUI zu tun gibt, zieht EYEDENTITY 2001 nach Hannover um. Neben dem Video-Bordmagazin für Hapag Lloyd stellen Würfel und sein halbes Dutzend Kollegen nun fünf Jahre lang im Auftrag der Team TV die TUI Video-Reisekataloge her. Gut für die Kasse, aber schlecht für die Kondition: völlig urlaubsreif holt Würfel seinen Ausflug an die Film Academy nach – allerdings nicht in New York, sondern auf Mallorca. Dafür lernt er dort bei Dieter Wedel. Und macht endlich seinen ersten Kurzspielfilm.

Wie gewonnen …

Am 22. Dezember 2004 steht fest: dieses Weihnachtsfest braucht Würfel einen großen Baum! Damit die ganzen Geschenke drunter passen. Denn das gesamte nächste Jahr bei EYEDENTITY ist an diesem Tag bereits voll ausgebucht! Ein Traum wird wahr: endlich wachsen, die Firma ausbauen, Leute einstellen, das nächste Kapitel schreiben …
Aber so läuft das nicht im Film. Denn aus heiterem Himmel kracht es zwischen Würfels Auftraggeber und dem Reisekonzern. Innerhalb eines einzigen schwarzen Januarvormittags werden alle Produktionsaufträge storniert. Der Schock sitzt so tief, dass kurz darauf auch seine Mitarbeiter von Bord gehen.
Würfel muss aufgeben. Er schließt sein Studio in Hannover und zieht nach Oldenburg – der Liebe wegen. Immerhin: einen besseren Grund kann es nicht geben!

Nach dem Regen folgt der Sturm

Kaum ist er dort angekommen, erhält er den Auftrag, als Produktionsleiter den Neustart des ehemaligen TUI-Reisesenders “TV TravelShop” unter dem Label “voyages” zu betreuen; der hat seinen Standort natürlich nicht in Oldenburg, sondern in Hannover. Also fährt er die Strecke – Tag für Tag, ein halbes Jahr lang. Dann erkennt er die Aussichtslosigkeit des Unterfangens und steigt wieder aus, bleibt aber als Berater für TUI und voyages tätig.
Und wird wieder für die TUI aktiv. Der vorläufige Höhepunkt: die Produktion “TUI Türkei – immer auf der Sonnenseite” im Jahr 2007 – 63 Drehtage, mehr als 8000 Einstellungen, ein halbes Jahr Produktion, über zwei Stunden Spielzeit … und die Geburtsstunde einer neuen Idee!

Eine sensationelle Idee … die dummerweise (noch) keiner haben will

Was wäre, wenn man “Urlaub vorher sehen” könnte? In einer Online – Videothek, mit Filmen über Hotels in aller Welt? Aber eben nicht im agenturtypisch gelogenen durchgestylten Werbelook, sondern ganz wertneutral und realitätsgetreu! Natürlich international produziert, für Zuschauer aus aller Welt! Die Entwicklung des TRAVENUE – Projekts beginnt … und damit ein langer, schwieriger Weg, der zumindest bis zum heutigen Tag nur von einer Sackgasse zur anderen führt. Aber das wird schon noch …

Zwangsstillegung. Und dann nochmal ganz von vorne …

Im Herbst 2007 sorgt eine gewaltige Pfütze bei einem Dreh in der Karibik dafür, dass Würfel mehrere Monate im Liegen verbringen muss. Allem Anschein nach überlegt es sich so aber besser. So kommt ihm bald der Gedanke, dass die Idee des “Vorher Sehens” keineswegs nur für Urlaubsinteressierte interessant sein könnte; Menschen sind schließlich neugierig: sie lieben es, erstmal zu kucken!
Er setzt sich hin und beginnt, zu entwickeln. Lernt HTML, PHP, JavaScript und alles Wesentliche, was es über die Programmierung fürs Internet zu wissen gibt. Und er hat einen sensationellen Namen für sein Projekt.

Kucken schreibt man aber mit “g”!

Richtig gute Filme in einem ganz besonderen Stil! Exklusiv für ganz kleine Unternehmen. Und für Freiberufler. Produktion und Veröffentlichung im Netz auf einen Rutsch – und zwar zum Festpreis! Und den auch noch auf Ratenzahlung! Eine klare Kampfansage an den Dreck, mit dem die Hobbyfilmerschar inzwischen das Internet überflutet … und volles Risiko!
Freunde sind skeptisch … aber helfen ihm, denn die Entwicklung des Projekts hat mal wieder all seine Ersparnisse aufgefressen. Würfel gründet EYEDENTITY ein zweites Mal und bringt im Winter 2009 das Projekt ERSTMALKUCKEN an den Start – diesmal mit Erfolg: mehr als 25.000 Zuschauer erreichen seine Filme allein im ersten Jahr.

Haben wir morgen Schule?

Rer Projektstapel ist eher höher als niedriger geworden. TRAVENUE wartet immer noch auf seine Geburt und, ach ja, zwischendurch ist ja obendrein ein halbes Dutzend TV-Formate entstanden, das ebenfalls noch unausgedruckt auf der Festplatte schlummert.
Und da wird es wohl auch noch etwas weiter schlummern, denn im Herbst 2010 ist Jens Würfel wieder in den Seminarraum zurückgekehrt. An der WAM Medienakademie in Dortmund unterrichtet er angehende Journalisten und Medienmacher. Und hat dabei soviel Spaß, dass er es sich lebhaft vorstellen könnte, sich irgendwann ganz dem Mediennachwuchs zu widmen.

to be continued …